Mühen der Ebene

Die Smart Factory war eines der Megathemen der Ligna. Mit Recht. Inzwischen jedoch ist der Diskurs um Industrie 4.0 wieder ruhiger geworden. Dem notwendigen Push für die Holzindustrie an exponierter Stelle ist eine punktuell wiederkehrende, crossmediale Diskussion gewichen, die sachlicher und immer weniger plakativ wird. Das ist gut so. Zeigt es doch, dass man sich wieder realistisch zu der Verwirklichung dieser Technologie in der Holzbranche vortastet.

Denn in manch einer Diskussion meinte man schon, die Smart Factory an die Haustür geliefert zu bekommen. Dabei kreist doch ihr Wesen noch für viel zu Viele in den Wolken.


Die Mammutaufgabe Industrie 4.0 definiert sich bekanntlich als Darstellung einer Produktion, die aus dezentralen, eng miteinander kommunizierenden, sich selbst organisierenden und optimierenden Einheiten besteht. Durch Einbindung von Sensoren, Aktoren und intelligenten Computersystemen sollen dafür Maschinen und Anlagen zu sogenannten Cyber-Physischen-Systemen qualifiziert werden, die in der Smart Factory zusammenarbeiten. Erforderlich sind hierfür nicht nur offene Schnittstellen und Standards für den Datenaustausch der einzelnen Teilnehmer, gebraucht werden auch Computersysteme, die die Prozessdaten eines Fertigungsschritts erstellen, den das Cyber-Physische-System abbildet, und die den Prozess überwachen und steuern können. Nicht zuletzt müssen sich alle Daten in einer sinnvollen Struktur sicher speichern lassen. So weit so gut.


Besonders für die Holzbearbeitung stecken in dieser Aufgabe jedoch mächtige Knackpunkte. So ist fraglich, ob bei den oft verketteten Prozessen durchgängig mit streng dezentralen, sich selbst optimierenden Strukturen gearbeitet werden kann. Forschungen an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe weisen hier auf eine Aufweichung dieses Prinzips zugunsten hierarchischer Strukturen hin. Doch das unklare Ordnungsprinzip ist nicht das einzige Problem, wie das Fehlen von Standards und einheitlichen Datenübertragungswegen zeigt, an denen die Branche ihre Digitalisierungsprozesse ausrichten könnte. Ungeklärt sind auch Fragen wie die automatische Generierung von Prozessdaten – in vielen Bereichen der Holzbearbeitung wird das Fachwissen des Mitarbeiters erforderlich bleiben – oder der essenzielle Aspekt Sicherheit.


Der Mittelstand und erst recht die vielen Kleinstbetriebe, aus denen die Holzbranche nun einmal besteht, sind derzeit bei der Umsetzung von Industrie 4.0 sehr zögerlich. Neben der Forschung werden die Großen der Branche die Vorreiter des Themas sein müssen. Input wird aber auch von Firmen kommen, die sich inzwischen auf das Thema spezialisiert haben. Abzuwarten bleibt, ob es zu einem gemeinsamen Vorgehen deutscher und europäischer Unternehmen kommen wird, wie es in den USA mit dem Industrial Internet Consortium der Fall ist. Eines freilich steht fest: Die Ebene zu durchschreiten wird mühsam sein. Zumal die Gegenspieler in Bewegung sind. Unvermittelt werden auch unwegsame Gebirge auftauchen. Und die Zeit für deren Überwindung ist begrenzt.

 

 

Ihr

Michael Hobohm

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