Bild: Reichenbacher
Des Rätsels Lösung in der Spanntechnik

Wenn herkömmliche Spanntechnik an ihre Grenzen stößt – sei es, weil Bauteile zu klein, dünn oder luftdurchlässig sind –, dann suchen Hersteller händeringend nach alternativen Lösungen. Eine davon ist das Spannen mit Eis.

CHRISTINA WEGNER


Die Vorteile der Gefrierspanntechnik sind für Kurt Kutschmann, Vertriebsspezialist bei Reichenbacher Hamuel unübersehbar: Das Spannen mit Eis ist eine Befestigungstechnologie, die es ermöglicht, auch Werkstücke aus diffizilen Materialien oder mit schwierigen Geometrien zu fixieren. Konventionelle Techniken versagen zum Beispiel bei der Herstellung und Bearbeitung von Platten aus Sintermaterialien. Für Hersteller ist es äußerst prekär, dass sich diese Platten mit Vakuum nicht verzugsfrei spannen lassen. Wie sollen sie dann auf das Hundertstel Millimeter genau bearbeitet werden? Es gelingt, aber nur mit aufwendiger Zusatzarbeit.


Dasselbe gilt für luftdurchlässige Materialien wie Papier- und Kunststoffwaben oder poröse Alu-Schwämme, die beispielsweise bei Lkw-Aufbauten, im Schienenfahrzeugbau oder in der Flugzeug-Zulieferindustrie zum Einsatz kommen. Bisher mussten solche Materialien vor der mechanischen Bearbeitung verklebt werden. Die daraus entstehenden Probleme mit Verleimkanten und der Beseitigung der Verklebung nach der Bearbeitung sind bekannt. Auch wenn Oberflächen nicht plan sind, kann nicht spannungsfrei aufgelegt werden. Beim Spannen mit Eis werden solche Lücken oder Unebenheiten mit Wasser aufgefüllt, sodass sich die Teile exakt spannen und bearbeiten lassen.

 

In der Praxis bewährt


Die Gefrierspanntechnik und die Zusammenarbeit von Inteccs Ltd. mit dem Maschinenhersteller Reichenbacher wurden erstmals auf der Composite Europe in Stuttgart vorgestellt. Geschäftsführer Friedemann Lotsch weiß um gemeinsam durchgeführte Projekte und ist sich wie Kutschmann sicher, dass es einen Markt für diese Technik gibt. „Es gilt nun, die Anwender, die die bekannten Probleme mit herkömmlicher Spannung meist mit zusätzlichem Zeitaufwand und Technik bewältigt haben, von diesem innovativen System zu überzeugen“, sagt er und verweist auf namhafte Firmen, die es zum Teil seit 15 Jahren im Einsatz haben. So arbeitet etwa ein deutschsprachiges Zulieferunternehmen der Luftfahrtindustrie seit rund einem Jahr erfolgreich damit auf einem Bearbeitungszentrum der Baureihe Vision. Überzeugt wurde dieser Reichenbacher-Kunde, weil die zu bearbeitenden Waben nicht eigenstabil sind und bisher nur äußerst aufwendig zu spannen waren. Unter Einsatz der Kältetechnik kommt es zu einer kraftschlüssigen Verbindung, sodass eine passgenaue Bearbeitung möglich ist. Die Einarbeitung in die Bedienung des Gefriergerätes erfolgte über Inteccs aus Dortmund, die Abstimmung der Steuerungstechnik zusammen mit Reichenbacher.


Der Umgang mit dem System auf einem Bearbeitungszentrum ist unkompliziert, wie Kutschmann betont, denn die Kryotool-Spannplatte, auf der das zu bearbeitende Teil festgefroren wird, lässt sich mit herkömmlichen Befestigungselementen auf der Maschine halten. Die Platte ist über einen Schlauch mit dem kälteerzeugenden Steuergerät verbunden, das den Gefrier- und Auftauvorgang mit Mikroprozessoren steuert und regelt. Das Standardsystem ist zudem mit zwei Kreisläufen ausgestattet, sodass der Anwender auf einer Platte ein Bauteil bearbeiten und auf einer anderen Platte ein weiteres Teil fixieren und zur Bearbeitung vorbereiten kann. Die Spannplatte wird konstant vorgekühlt, um kurze Rüstzeiten zu erzielen. Beim Spannen werden die Werkstücke mit Wasser auf einer Unterlage sicher und spannungsfrei angefroren. Damit wirkt auf die gesamte Auflagefläche dieselbe Spannkraft. Bauteile, die Freiformflächen oder geringe mechanische Stabilität aufweisen, werden in einer Vertiefung der Spannplatte eingefroren und lassen sich damit in jeder beliebigen Bearbeitungsebene fixieren. Ohne zeitraubendes Umspannen kann in einem Arbeitsgang 5-seitig gefräst, geschliffen oder poliert werden. Die leistungsfähige Auftauautomatik sorgt nach dem Bearbeitungsvorgang für ein schnelles Lösen des Werkstücks.

 

Auch wirtschaftlich eine Alternative


Die Fachleute von Reichenbacher und Inteccs weisen darauf hin, dass die Spanntechnik einfach zu handhaben ist, wenn die Bearbeitungsparameter exakt eingehalten werden. Dass das Werkstück bei der auftretenden Temperaturdifferenz schrumpft, muss freilich im Fräsprogramm berücksichtigt und implementiert werden. Die Experten sehen aber zur konventionellen Spanntechnik eine hochinteressante und vor allem wirtschaftliche Alternative, denn die Geschwindigkeiten und Genauigkeiten in der Bearbeitung sind deutlich höher, weil die Bauteile einfach und besser gespannt werden. Zudem ist man mit dem Gefriersystem sehr flexibel und im Handling deutlich günstiger, weil der Bau von Vorrichtungen und Ähnlichem entfallen kann.

www.reichenbacher.de
www.inteccs.de

  

Diesen Beitrag und weitere interessante Beiträge finden Sie in HOB 7-8.2016:

16_7_TS_188.jpg

Gerne können Sie HOB 7-8.2016 bestellen:

per mail:  cedra@agt-verlag.de  
oder über das Kontaktformular


agt verlag thum gmbh
Teinacher Straße 34
71634 Ludwigsburg

Vertrieb, Frau Beate Cedra
Tel.: 07141/22 31-56

 

agt_logo_200_60.png

spacer
Online Werbung @ HOB