Foto: HOB
Stark und voller Energie

Erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten für Möbel bietet Homag mit einem Aggregat zum maschinellen Verleimen von Formkanten.

Neu zu konzipieren war dafür auch die Führung der Energie-, Daten- und Versorgungsleitungen. Gemeistert wurde dies mit dem Twisterband von Igus.

MICHAEL HOBOHM


Es war vor drei Jahren, als sich ein Hersteller und Lieferant von Hoteleinrichtungen mit einer speziellen Anfrage an Homag wandte, die auf eine Erweiterung seines Produktspektrums hinauslaufen sollte. Der erfahrene Anwender von CNC-Technik wusste, dass er bei der Homag Group auf ein breites Spektrum von Bearbeitungszentren treffen würde, das sich in den Marken Weeke, Weinmann und Homag manifestiert. Während Weeke Maschinen bereitstellt, die den Fokus auf das Bohren und die leichte Fräsbearbeitung legen, ist Weinmann auf die Fertigung von Bearbeitungszentren für den baunahen Bereich ausgerichtet. Das Interesse des Zulieferers war allerdings besonders auf die hochwertigen Bearbeitungszentren und die Maschinen mit Verleimtechnik aus Schopfloch gerichtet, die das Produktsegment CNC-Technik der Homag Group abrunden. Dabei beruht das Gesamtspektrum der Gruppe auf einem großen Baukasten, aus dem die kleinste Einstiegsmaschine ebenso hergestellt wird wie die größte industrielle Anlage. Neben standardisierten Komponenten und Modulen werden dafür auch einheitliche Fertigungsmethoden und Qualitätsstandards angewandt. Die standardisierten Module reichen bis hin zu einheitlichen Energieketten. „Bei uns im CNC-Bereich kenne ich nur Igus“, sagt Stefan Friese, der bei Homag in der Entwicklung Stationärtechnik tätig ist.

 

Trockenbearbeitung vollständig abgedeckt


Am Standort Schopfloch macht das Produktsegment Bearbeitungszentren je nach Geschäftsjahr 30 bis 40 Prozent des Gesamtauftragsumfangs von Homag aus. Die 5-Achs-Technik ist hier gleichermaßen vertreten wie größere industrielle Anlagen zur Fensterfertigung, automatisierte Zellen oder Maschinen, die die Formteileverleimung per Laser oder schmelzkleberbasierten Verfahren beherrschen. Die Bandbreite der Anwender reicht vom 5-Mann-Handwerksbetrieb bis hin zum Industrieunternehmen, wozu der Hersteller von Tür, Treppe und Fenster genauso gehört wie der Innenausbauer oder der klassische Möbelfertiger. Parallel zur Holzbearbeitung sind die Maschinen aber auch in der Luftfahrtindustrie bis hin zum Fahrzeugbau präsent. Welcher Art das zu bearbeitende Bauteil ist, und woraus es besteht, ist dabei fast egal. „Wir machen alles, was sich trocken bearbeiten lässt“, sagt Friedhelm Rempp, Produktmanager Stationärtechnik bei Homag. „Teilweise bringen wir auch die Minimalmengenschmierung zum Einsatz, wenn man an die Aluminiumbearbeitung denkt. Schlussendlich sind wir bei den Werkstoffen breit aufgestellt, wobei die Holzbearbeitung den Großteil unseres Geschäfts ausmacht.“


Ermöglicht wird der universelle Charakter der Maschinen durch Kernkomponenten, die von Haus aus breit einsetzbar sind. Die universelle Ausrichtung der Bearbeitungszentren ermöglicht es aber nicht nur, sie vom Prototypenbau bis hin zur Sonderteile- und Schablonenfertigung einzusetzen, er versetzt die Anwender vor allem auch in die Lage, flexibel auf veränderte Kundenanforderungen einzugehen. So gewinnt die CNC-Bearbeitung zum Beispiel im Fensterbau zunehmend an Bedeutung, weil es durch die Vielfalt der Bauteile immer schwieriger ist, alle Bearbeitungsabläufe mit klassischen Durchlaufmaschinen vorzuhalten. Gleichzeitig trägt hier die rasante Entwicklung bei Beschlägen und Zusatzeinheiten zu einer starken Veränderung der Anforderungen an die Bauteile bei. Gleichwohl ist es Ziel Nummer eins, die Bauteile möglichst maschinenintegriert zu fertigen.

 

Schräge Kanten maschinell verleimen


Dass sich die komplexeren Anforderungen bei den Bauteilen in einer Veränderung der Bearbeitungstechnologie niederschlagen, zeigt auch die Schrägkantenverleimung. Seit geraumer Zeit gibt es bei Möbeln eine Verschiebung des Designs hin zur grifflosen Optik. Trotz flacher Fronten muss natürlich gewährleistet sein, dass sich die Türen öffnen lassen. Eine Lösung ist hier der Gehrungskorpus. Die Herstellung entsprechender Bauteile kann entweder mit einer Sondermaschine erfolgen, die nur diese Applikation abdeckt, oder sie wird mit einem Bearbeitungszentrum ausgeführt. Für den Hersteller von Hoteleinrichtungen war es gesetzt, im Bereich Bearbeitungszentren nach einer Möglichkeit zur Schrägkantenverleimung zu suchen. Also ging das Unternehmen 2012 auf Homag zu, um sich über ein erweitertes Angebotsspektrum differenzieren zu können. Dafür wollte er eine Maschine, mit der sich schräge Kanten, die bisher manuell angeleimt werden mussten, maschinell anleimen lassen. Der Trend zu einem Design dieser Art war auch noch bei weiteren Möbelherstellern zu spüren – was für die Schopflocher natürlich Anlass genug war, in die Entwicklung zu gehen. Um ein möglichst breites Spektrum von Applikationen abdecken zu können, wurden dabei die Anforderungen der verschiedenen Anwender gebündelt.

 

Funktionsumfang erweitern


„Die Lösungen, die es bis dahin gab, hatten in zweierlei Hinsicht Grenzen: Je steiler der Winkel am Bauteil wird, umso schwieriger ist die Fertigung. Außerdem bringt ein Wechsel des Winkels einen Umbauaufwand mit sich“, berichtet Rempp. „Entsprechende Maschinen sind daher speziell auf die Bearbeitungsaufgabe ausgelegt und im Fertigungsspektrum der Winkel begrenzt. Außerdem muss man bei solchen Lösungen in Kauf nehmen, dass das Verleimteil manuell geschwenkt oder umgebaut werden muss und teilweise das Schräg-Anleimen nur in bestimmten Richtungen möglich ist.“ Das Ziel der Neuentwicklung war es, die Bearbeitungsmöglichkeiten, die der Anwender eines klassischen Verleimaggregates auf der Maschine hat, auch mit der neuen Einheit vollumfänglich abzudecken: Die Maschine sollte weiterhin Formkanten in beliebiger Geometrie anleimen können, nun aber um das Schrägkantenverleimen mit unterschiedlichen Winkeln in jeder Richtung ergänzt. „Diese Anforderungen haben den Bauraum sehr begrenzt, was im Umkehrschluss eine kompakte Lösung erforderlich machte“, betont Friese. Umgesetzt hat Homag den Anforderungskatalog schließlich zusammen mit dem Schwesterbetrieb Benz.

 

Alternative für die Signalübertragung


Ein wichtiger Punkt, der dabei gelöst werden musste, war die Signalübertragung zum Verleimaggregat. Bei Maschinen mit klassischem Aggregat ist diese Übertragung per Drehschnittstelle gelöst. Ein solcher Schleifring hat den Vorteil, dass er kompakt baut, sich endlos drehen lässt und resistent gegen Schmutz ist. Weil mit dem neuen Aggregat nun aber auch schräg angeleimt werden sollte, kamen eine weitere NC-Achse und ein Antrieb für das Schwenken in den Aufbau. Die Signalübertragung per Schleifring wäre damit alles andere als trivial gewesen; man hätte den Aufbau mit Schleifring völlig neu konzipieren müssen. „Daher haben wir über eine Alternative nachgedacht, die in den kleinen Bauraum passt“, so Friese. „Weil Igus bei uns im CNC-Bereich alle Energieketten bereitstellt und es gute Erfahrungen mit den Produkten gibt, habe ich mit dem Unternehmen Kontakt aufgenommen.“ Übernehmen sollte die Kette die Drehung um Z, was sonst von dem an der C-Achse befindlichen Schleifring gemacht wird. Die Frage an Igus war daher: Gibt es ein Energieführungssystem, mit dem die rotative Bewegung über Kabel bewerkstelligt werden kann? Um alle bisherigen Funktionen zu gewährleisten, musste sich die Energiekette dabei in beide Richtungen um 720 Grad drehen lassen.

 

Zwanzigmal um sich selbst drehen


Mit dieser Anfrage konfrontiert, hat Igus dann schnell Twisterband präsentiert. „Etwas Vergleichbares kann kein anderer Hersteller von Energieketten anbieten“, versichert Michael Offner, Vertriebsleiter Süddeutschland bei Igus. „Mit der kompakten, leichten Kette lassen sich Drehbewegungen bis 7 000 Grad in horizontaler Einbaulage und bis 3 000 Grad in vertikaler Lage ausführen. Und das mit einer Drehgeschwindigkeit von bis zu 360 Grad pro Sekunde.“ Die Kette ist modular aufgebaut und in vier Größen lieferbar. Mit dem TB30 setzt Homag die größte Variante ein, die eine Innenhöhe von 22 mm und eine Innenbreite von 75 mm bietet. Das Twisterband ermöglicht es, unterschiedliche Medien auf kleinem Einbauraum zu führen, wofür die Bänder beliebig gekürzt werden können. Auf die gewünschte Länge gebracht, lässt sich die Kette sehr gut befüllen. Im Falle des Defektes einer Leitung, kann diese auch kostengünstig und verhältnismäßig einfach ausgetauscht werden. Bei der Homag-Lösung nimmt die Energiekette inzwischen eine 7-kW-Leistungsstromversorgung, ein 24-V-Netz und einen CAN-Bus auf, was einer relativ starken Befüllung entspricht. Aus diesem Grund prüfte das Homag Entwicklungsteam auch akribisch die Langlebigkeit der Energiekette: Mit einem Dauertest, der einem fünfjährigen Einsatz der Maschine im 3-Schicht-Betrieb entspricht, bewerteten sie den Verschleiß der Kette und die Unversehrtheit der Leitungen. Bei keinem Kriterium gab es Probleme. „Das zeigte uns: Das Twisterband erreicht problemlos die Lebensdauer der Maschine“, so Rempp. „Bestätigt wird das auch von den Anwendern, die diese Energiekette seit Jahren einsetzen: Es gibt keinerlei negative Rückmeldungen.“


Für besonders schwere Befüllungen hat Igus auf der diesjährigen Hannover Messe eine neue Ausführung von Twisterband vorgestellt: die Variante HD, was für Heavy Duty steht. „Dieses Band ist aus deutlich verstärkten Einzelsegmenten aufgebaut, die nun mit einer Haken-Bolzen-Verbindung zusammengehalten werden“, berichtet Offner. „Das Twisterband HD garantiert eine hohe Stabilität bei geringem Bedarf an Bauraum. Der Außendurchmesser liegt bei gerade mal 330 mm, die Höhe beginnt bei 260 mm und erhöht sich, je nach benötigtem Drehwinkel.“ Die Heavy-Duty-Ausführung mit ihrem soliden Anschlagsystem ist für Temperaturen unter null Grad Celsius und damit für Außeneinsätze geeignet. Wie ihr Vorgänger lässt sie sich um 3 000 Grad vertikal und 7 000 Grad horizontal verdrehen, bei einer maximalen Geschwindigkeit von 360 Grad pro Sekunde.


„Die Technologie der Energiekette hat sich derart bewährt, dass sie künftig auch für andere Maschinen eine Alternative sein wird“, resümiert Rempp. „Solang man überschaubare Schnittstellen hat, spricht vieles für eine Schleifringlösung. Sobald aber zusätzliche Medien oder Achsen auf die Maschine kommen, wird die Twisterband-Lösung für uns interessant.“ Auf welche Maschinen die Technologie künftig ausgerollt wird, entscheidet die Anwendung. In entsprechende Überlegungen wird wohl schon bald auch das neue Twisterband HD einfließen.

www.igus.de  
www.homag-group.com

 15_6_KOMP_igus_homag_SEI.jpg

 

Diesen Beitrag und weitere interessante Beiträge finden Sie in HOB 6.2015:

15_6_TITEL_188.jpg

Gerne können Sie HOB 6.2015 bestellen:

E-Mail:  cedra@agt-verlag.de      
oder:      Kontaktformular

AGT Verlag Thum GmbH
Teinacher Straße 34
71634 Ludwigsburg

Vertrieb, Frau Beate Cedra
Tel.: 07141/22 31-56

spacer
Online Werbung @ HOB