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Editorial 3 www.hob-magazin.com Maschinenfragmente Industrie 4.0 ist ein oft strapaziertes Thema dieser Tage. Meist werden dann die Zukunftsversprechen der vierten industriellen Revolution aufs Tableau gebracht. Naturgemäß gibt es auch die andere Seite der Medaille. Das Ungeklärte, das Unsichere. Zuvorderst die Frage: Was ist das für ein Ding – Industrie 4.0? Die oft reflexartige Antwort lautet: die fortschreitende Automatisierung von Fertigungs und Dienstleistungsprozessen, von Handel und Transport im Zeichen von Digitalisierung und globaler Datenverarbeitung. Doch was ist es, was da entwickelt wird? Was ist das Entstandene? Ein wenig Kulturkritik sei hier erlaubt: Schon lange nicht mehr die klassische Erfindung des 19. und 20. Jahrhunderts, das steht fest. Denn fortwährend fließen Daten und Kenntnisse in die 4.0-Entwicklungen ein. Humankapital, das sich manifestiert, wenn man so will. Oder „geronnenes soziales Leben“, wie es der Publizist Evgeny Morozov nennt. So wandelt sich zum Beispiel Expertenwissen – über Entwicklergenerationen angehäuft – in Software. Dabei „verschwinden die Arbeitsroutinen und der Erfahrungsschatz ganzer Berufe in den Algorithmen der Informationsmaschinen und werden als geistiges Eigentum patentiert“, meint der Soziologe Mathias Greffrath. The Wall Street Journal spricht gar von Software, „die Welt auffrisst“. Und mittendrin das Internet als Maschine „Was ist das für ein Ding – Industrie 4.0?“ der Macht. Den Einzelnen braucht es für das zu Erschaffenende nicht mehr. Seine Bedeutung schrumpft pro Wachstum der Meisterstücke. Als Bestandteil geht er auf im Ganzen, das als Leistung der Vielen vorbereitet wurde. So wächst eine Maschinerie mit Eigendynamik. Kämpft der, der sich der Digitalisierung verweigert, nicht auf verlorenem Posten? Stirbt die Offline-Welt der Tischler aus? Der Wert der gesammelten Daten liegt zum Gutteil in ihrer Vorhersagekraft. Die Versprechen für die Zukunft, die Industrie 4.0 bislang oft nur sind, werden mit der steigenden Menge dieser Daten zu immer präziseren Handlungsempfehlungen. Nur weil jede Menge wertbildender Vorarbeit in ihnen steckt, lässt sich auf neuartige Automatisierungslösungen abzielen. Hinter jeder neuen Steuerung verbirgt sich die Arbeit der Altvorderen: Mehrwert als historische Kategorie. Doch – und das ist der Punkt: Wem gehören all diese Informationen? Wem gehört der Zauberstoff Daten? Eine Frage, die dem Einzelnen und seiner Datenspur nachspürt. Die aber auch für Unternehmen fragt, die in die Zusammenarbeit mit Partnern starten und Neues kreieren. Und auch der nächste Punkt ist nicht trivial: Wem gehören die Gewinne, die mit solchen Informationen erzielt werden? Der übliche Vertrag ist hier nur Krücke. Wem stehen die Erträge aus der Wertschöpfung der neuen Maschinen per Recht zu? All das ist keine Hirnakrobatik. Denn Antworten sind dringend gefordert, zum Beispiel zu unternehmensübergreifenden Cloud-Lösungen. Oder – was die nächste Drehung der Spirale zeigt – zu Stephen Hawkings Erklärung auf der ,Zeitgeist 2015‘ in London: „Computer werden Menschen innerhalb der nächsten hundert Jahre mit künstlicher Intelligenz überholen. Wenn das passiert, müssen wir sichergehen, dass die Ziele der Computer mit unseren übereinstimmen.“ Ihr Chefredakteur Michael Hobohm Ich freue mich auf Ihre Reaktionen. Rufen Sie an oder mailen Sie mir. Dr.-Ing. Michael Hobohm Telefon 0 80 53/798 30 90 Mobil 01 78/146 10 65 u hobohm@agt-verlag.de


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