
Seltsam warm ist die erste Aprilwoche, sogar die Insektenhotels auf dem Leitz-Gelände sind schon gut besucht. T-Shirt-Wetter im baden-württembergischen Oberkochen – und damit Zeit für das jährliche Symposium des Werkzeugherstellers. Das Auditorium ist bis auf den letzten Platz besetzt. Ob man nicht eine Warteliste einrichten könne? CEO Jürgen Köppel schmunzelt, als er das Event mit dieser Anekdote eröffnet: Offenbar hat sein Unternehmen mit dem Thema Holzfenster einen Nerv getroffen. Der oft als traditionell belächelte Werkstoff Holz greift in Zeiten von Klimazielen, Ressourcenmangel und Kreislaufwirtschaft zentrale Zukunftsfragen auf. Holzfenster sind da nicht nur zeitgemäß – sie sind strategisch. Vorausgesetzt natürlich, Branche und Technologien ziehen mit.
„Holz muss im Kreislauf bleiben“
Dass das Holzfenster strategisch bedeutend ist, weiß auch Kai Pless nur zu gut: Es ist CO2-Speicher, energieeffizientes Bauelement und kreislauffähiges Produkt in einem. Doch der Geschäftsführer des Bundesverbands ProHolzfenster weiß auch: Von selbst entfaltet sich dieses Potenzial nicht. Nur wenn ein Holzfenster lange hält und ohne Schadstoffe verarbeitet wird, kann es seine ökologischen Stärken ausspielen. „Wir müssen dahin kommen, dass Holzfenster nicht am Ende thermisch verwertet werden, sondern im Kreislauf bleiben“, sagt Pless sinngemäß.

Holzschutzmittel ohne Chemie
Martin Wiesmann von Remmers bringt die ökologische Schieflage ähnlich auf den Punkt: Einer sortenreinen Entsorgung stehen nach wie vor biozide Holzschutzmittel im Weg. Gefragt sind darum physikalische Verfahren. Remmers stellt daher mit der Imprägnierung Induline IW-130 eine Lösung vor, die ohne Chemie auskommt und vielseitig anwendbar ist. Doch das allein löst das Puzzle noch nicht. „Wollen wir wirklich diesen Müllhaufen unserer Kinder weiter befeuern?“, fragt der Bereichsleiter RTS Industrie zugespitzt. Und trifft einen wunden Punkt bei denen, die noch immer über Bauabfälle diskutieren, statt sie zu verhindern.
QR-Code zwischen Glasscheiben
Ein weiteres Puzzleteil für die Kreislaufwirtschaft liegt in der digitalen Dokumentation, darauf weist Martin Stöger von Remmers hin. Mit ID4Win stellt der Vertriebsleiter Industrielacke eine offene Branchenlösung vor: ein digitaler Produktpass, unsichtbar im QR-Code zwischen den Glasscheiben hinterlegt. Dort lassen sich Produktdaten, Schutzmittel, Beschichtungen und Herstellerinformationen jahrzehntelang speichern. Und erfüllen so eine Voraussetzung für sortenreinen Rückbau und Recycling. Doch ID4Win geht weiter. Warum nicht das Fenster selbst zum smarten Bauteil machen – vernetzt, auslesbar, zukunftstauglich? ID4Win versteht das Bauelement als Teil eines digitalen Ökosystems. Die Idee reicht von Wetterdaten und Wartungsintervallen bis hin zu Versicherungsschnittstellen und Rückbauprotokollen. Oder wie Stöger es ausdrückt: „Wir müssen uns heute fragen, was ein Fenster in 20 Jahren können muss.“ Der VCMC-HZ spannt Werkstücke seitlich. Sein beidseitiger Anschlag senkt Rüstzeiten und steigert die Leistung. Vier Spannhöhen und die Wahl zwischen Druckluft oder Mechanik garantieren Anwendern maximale Flexibilität. ‣ weiterlesen
Mehr Platz auf Konsolentischen
Befestigung – eine Nebensache?
Doch in Oberkochen geht es heute nicht nur um Materialien und Digitalisierung. Auch die Montagetechnik überdenkt man hier. Jürgen Goll von Autera zeigt mit G-Fix, wie sich Verglasung trocken, einfach und dauerhaft dicht umsetzen lässt. Technisch und ökologisch sind die Vorteile – und sie sind entscheidend: sortenreine Trennung, schnelle Reparatur, bessere Recyclingfähigkeit. Wer solche Details für nebensächlich hält, unterschätzt sie. Denn nicht selten entscheidet ein Befestigungssystem darüber, ob ein Fenster rückgebaut werden kann – oder als Müll auf der Deponie landet.

Nachhaltigkeit im Fräszentrum
Effizienz und Ressourcenschonung dulden also keine Nebensachen – erst recht nicht beim Werkzeug. Das macht Leitz-Branchenmanager Anton Kieslinger klar. Mit dem Werkzeugsystem ProfilCut Q zeigt er, wie sich Nachhaltigkeit buchstäblich ins Fräszentrum verlagert. Das birgt höhere Schnittgeschwindigkeiten, genauere Ergebnisse und weniger Nachbearbeitung, und es nutzt Material besser aus. RipTec, hybride Schneidstoffe oder Schrumpftechnologien sorgen derweil für Langlebigkeit und Maßhaltigkeit. Sie zeigen außerdem: Ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Effizienz schließen einander nicht aus. Unter den richtigen Umständen befeuern sie sich sogar gegenseitig.
CNC-Technik für KMUs
Dass moderne Fensterfertigung auch im Handwerk funktioniert, zeigt Anton Manhart mit seinem familiengeführten Betrieb. Ein persönlicher Rückblick zeichnet den Weg nach vom landwirtschaftlichen Nebenerwerb zur CNC-Fertigung. Früh setzte er auf Maschinen von Holz-Her und Weinig und damit auf Automatisierung. Dem Fachkräftemangel begegnete er mit der Bereitschaft zum Wandel. Michael Mosner, Verkaufsleiter Fenster bei Homag, ergänzt diesen Weg mit einem systemischen Blick: Mit der Initiative KFTH stellt er einen praxiserprobten Einstieg in die CNC-Fertigung vor. Um High-End-Anlagen für Großserien geht es dabei allerdings nicht. Stattdessen vereint der Ansatz skalierbare Systeme mit Variantenvielfalt und Sonderformen mit Wirtschaftlichkeit. Ziel: CNC-Technik muss für kleinere Betriebe erreichbar und beherrschbar sein.
Argumente ohne Ende
Wie sieht also die Zukunft des Holzfensters aus? Heute ist man sich in Oberkochen einig: Sie ist nicht rein technologisch, sondern systemisch. Nur wer CO2-Einsparung, Digitalisierung, Materialeffizienz und Lebensdauer zusammendenkt, erkennt im klassischen Fenster ein modernes Bauteil. Dafür reichen die Hebel vom Imprägnierverfahren bis zur CNC-Schnittstelle, verbinden Profilgeometrie mit Cloud-Zugang. Später unterwegs zum Zug: Die Jacke unter dem Arm, es ist frühsommerlich. Fahrgäste suchen Schatten am Bahnsteig. Überfällig ist der Wandel im Bauwesen allemal, und die Fensterbranche steht beispielhaft dafür: Weg vom linearen Denken, hin zu einer Baukultur, die Produkte mitdenkt. Wer diesen Wandel annimmt, hat nicht nur gute Werkzeuge – er hat gute Argumente. Und sei es, um künftig im April im T-Shirt wieder ein bisschen frösteln zu dürfen. n















