„Wir haben den Schlüssel für die Fabrik der Zukunft“

Einen ersten Blick auf das Karussellprinzip von Ro-Tec X6 erhaschten Besucher auf der diesjährigen Ligna. Für das System hat Tecno Logica Technik aus der Automobilindustrie auf die Kantenbearbeitung übertragen.
Einen ersten Blick auf das Karussellprinzip von Ro-Tec X6 erhaschten Besucher auf der diesjährigen Ligna. Für das System hat Tecno Logica Technik aus der Automobilindustrie auf die Kantenbearbeitung übertragen.Bild: SCM Group Deutschland GmbH

Bevor wir über die Technologie sprechen: Tecno Logica und SCM arbeiten seit 2024 zusammen. Wie kam es dazu?

Giovanni Masino: Der Vertrag für die Integration von Tecno Logica in die SCM Group wurde letzten Sommer unterzeichnet. Damit wollen wir unsere Position unterstreichen – nicht nur in der Holzbearbeitungsindustrie, sondern auch in der Bearbeitung von Aluminium, Verbundmaterial und Kunststoff. In diesen Bereichen sind wir zwar bereits bekannt. Aber die Integration von Tecno Logica erschließt uns weitere Möglichkeiten, vor allem im Premiumsegment.

Dr. Thomas Bickl: Wir als Tecno Logica bieten keine Standardlösungen an, sondern Module, die wir je nach Kundenwunsch zusammenstellen. Wir verstehen uns also als Problemlöser. Warum Premium? Weil wir uns den schwierigsten und komplexesten Fällen widmen, die man am Standardmarkt nicht findet. Das schließt Robotik, Prozesse und Software ein. Bei SCM ergänzen wir damit das Portfolio.

Welche Lücken im SCM-Katalog deckt die Integration ab?

Dr. Bickl: Schlüsselfertige Lösungen etwa für die Montage, Robotik und die gesamte Anbindung an MES. Unsere Produkte ergänzen sich hervorragend.

Masino: Vor allem bei Automatisierung, Sonderlösungen und Losgröße-1-Anwendungen. Hier eröffnet uns Tecno Logica einige Tore.

Tore nur im DACH-Raum oder weltweit?

Masino: Weltweit. Im DACH-Raum vor allem deswegen, weil wir bisher stark auf das Handwerk fokussiert waren. Hier wollen wir uns neu aufstellen und das Potenzial in der Industrie abdecken. Dass Tecno Logica uns hier weiterbringt, haben wir auf der diesjährigen Ligna gesehen.

Dr. Bickl: Wir haben in Hannover über 600 Kundenkontakte geknüpft. Vorher sind unsere Projekte durch Ansprachen und Weiterempfehlungen entstanden – im Italienischen sagt man ‚Passaparola‘. Weltweit konnten wir das nicht abdecken. Mit SCM haben wir aber jetzt eine Plattform dafür, und die reicht bis nach Amerika oder Brasilien.

Auf der Ligna war die Tecno-Logica-Lösung von außen nur durch ein Gitter zu sehen. Man musste also reingehen und sich umsehen. Wie haben die Besucher Ro-Tec X6 aufgenommen?

Dr. Bickl: Die meisten Besucher haben sofort erkannt, dass es sich um eine Innovation handelt – um eine neue Herangehensweise an ein bekanntes Thema. Wir setzen die Lösung bereits seit über zehn Jahren im Automobilbereich ein, etwa zur Bearbeitung von Aluminiumprofilen. Wer heute einen Skoda, VW oder Porsche fährt, hat wahrscheinlich ein Batterieprofil an Bord, das auf unseren Maschinen gefertigt wurde. Gemeinsam mit SCM haben wir überlegt: Wie können wir dieses Prinzip auf die Holzbearbeitung übertragen? Schnell stand Kantenanleimen fest. Schaut man sich heutige Maschinen an, ähneln sie sich in Aufbau und Funktion sehr. Hier braucht es neue Ideen. Ro-Tec X6 bringt einen solchen Impuls: automatisieren, vertikal spannen, rotierend arbeiten – alles auf einem stabilen Nullpunkt. Das Werkstück bleibt in fester Lage, von Prozess A bis Prozess B. Das erhöht die Präzision. Und die Geschwindigkeit der bearbeitenden Aggregate liegt bei nur 25 bis 30m/min. Somit bleibt der Wartungsaufwand gering und die Zuverlässigkeit hoch.

Masino: Als wir entschieden haben, eine Kantenanleimmaschine auszustellen, haben wir uns zuerst gefragt, wie eine vertikale Lösung aussehen soll. Auch ich konnte mir das anfangs kaum vorstellen. Aber gerade das hat auf der Ligna Neugier geweckt, viele sind gezielt deswegen zu uns auf den Stand gekommen. Es gab spannende Gespräche über die Fabrik der Zukunft. Und das nicht nur mit Kunden, sondern auch mit Marktbegleitern.

Es ist ja auch ein völlig neuartiger Ansatz.

Masino: Absolut. Eine Kantenanlage in vertikaler Bauweise habe ich in meinen 20 Jahren in der Branche am Markt noch nicht gesehen. Inzwischen sprechen wir mit Kunden, die genau darüber nachdenken: Wie können die Prozesse von morgen aussehen? Wo lässt sich vertikale Bearbeitung sinnvoll einsetzen? Es geht nicht nur um einzelne Maschinen, sondern um durchgängige, automatisierte Prozesse.

Giovanni Masino, Managing 
Director SCM Deutschland: "Kunden denken nicht über einzelne Maschinen nach, sondern über durchgängige Prozesse."
Giovanni Masino, Managing Director SCM Deutschland: „Kunden denken nicht über einzelne Maschinen nach, sondern über durchgängige Prozesse.“Bild: SCM Group Deutschland GmbH

Wo wir schon von der Fabrik der Zukunft reden: Für welche Kunden kommt Ro-Tec X6 infrage? Wer baut diese Fabrik?

Masino: Zurzeit ist das Handwerk noch nicht unser Ziel. Das kann sich aber in Zukunft ändern. Gerade sprechen wir vor allem mit Industriekunden – auch außerhalb der klassischen Möbelbranche. Wir richten uns an Unternehmen, die Flexibilität und gewisse Stückzahlen brauchen. Ro-Tec X6 passt besonders gut dorthin, wo Losgröße 1 Automatisierung trifft. Auch im Mittelstand sehen wir Potenzial.

Dr. Bickl: Dabei dürfen wir den gesellschaftlichen Aspekt nicht vergessen: Wer wird in Zukunft überhaupt noch was arbeiten? Wer z.B. flexibel auf den Fachkräftemangel reagieren will, kommt an Automatisierung nicht vorbei. Zwei oder drei Schichten fahren oder am Wochenende produzieren – dafür ist eine solche modulare, automatisierte Lösung genau richtig.

Ist Ro-Tec X6 eher für neue Hallen geeignet? Oder lässt sie sich auch in bestehende Umgebungen einfügen?

Dr. Bickl: Beides ist möglich. Wenn wir von der Fabrik der Zukunft sprechen, handelt es sich eher um ein Greenfield-Projekt. Heute sieht die Praxis aber noch anders aus: Viele Kunden stellen Ro-Tec X6 zunächst neben ihre bestehende Linie, um das Konzept kennenzulernen. Sie starten mit einer Maschine und prüfen, wie sie funktioniert. Vielleicht ersetzen sie eine ältere Maschine. Und wenn das System überzeugt, kann das der erste Schritt sein zur langfristigen Planung einer neuen, vollautomatisierten Fabrik, in der sich SCM- und Tecno-Logica-Lösungen ergänzen können.

Wie könnte das konkret aussehen?

Masino: Gerade in der DACH-Region arbeiten viele Kunden schon heute mit automatisierten Systemen. Stand-Alone-Maschinen ohne Rückführung oder Verkettung gibt es kaum noch. In Zukunft werden wir gemeinsam noch kundenspezifischere Lösungen realisieren. Wie setzen wir das um? Indem wir auf ein breites, bestehendes Portfolio zurückgreifen.

Dr. Bickl: Ein Beispiel: Ein Kunde hatte bereits ein ausgearbeitetes Konzept von SCM – eine klassische Kantenlinie. Aber der verfügbare Platz reichte nicht aus. Tecno Logica entwickelte dann eine Alternative – mit gleicher Leistung und vergleichbaren Kosten, aber geringerem Platzbedarf. Genau das ist unsere Stärke: Nicht bloß neue Hallen planen, sondern auch bestehende Strukturen effizienter nutzen.

Ist das Ro-Tec-Konzept mit seinen verschiedenen Größen flexibel genug dafür?

Dr. Bickl: Absolut. Ro-Tec gibt es in Varianten mit vier, sechs oder acht Stationen. Die Stationenzahl beeinflusst dabei die Taktzeit und die Ausstattung. Ro-Tec X8 z.B. kann bei gleicher Geschwindigkeit zusätzliche Bearbeitungsschritte integrieren, etwa Bohren oder Fräsen. Damit können unsere Kunden die interne Transportlogistik stark vereinfachen, weil dieser Prozess innerhalb unseres Maschinenkonzepts stattfindet.

Masino: Der modulare Gedanke geht noch weiter: Anwender können auch mehrere Ro-Tec-Stationen hintereinander anordnen, verbunden über Roboter. So entsteht eine flexible, skalierbare Lösung ohne Grenzen.

Das Konzept stammt ursprünglich aus der Automobilindustrie. Wie stark mussten Sie das System für die Anforderungen der Möbelbranche überarbeiten?

Dr. Bickl: Eine der größten Anpassungen betraf das Spannkonzept. In der Automobilindustrie arbeiten wir überwiegend mit Profilen, in der Holzbearbeitung hingegen mit Platten. Das bedeutet: andere Formen, andere Gewichte, andere Anforderungen. Für Ro-Tec X6 haben wir daher die Aufspanntechnik überarbeitet. Je nach Anwendung passen wir etwa die Saugnäpfe oder die Robotergreifer an, z.B. für kleine oder schmale Teile. Wir versuchen immer, einen Schritt vorauszudenken. Was fehlt dem Markt noch? Viele Ligna-Besucher haben sofort erkannt, was möglich ist – und Anregungen mitgebracht, die wir nun weiterverfolgen.

Dr. Thomas Bickl, Head of 
Global Sales bei Tecno Logica: "Wir bieten keine Standardlösungen an, sondern Module nach Kundenwunsch."
Dr. Thomas Bickl, Head of Global Sales bei Tecno Logica: „Wir bieten keine Standardlösungen an, sondern Module nach Kundenwunsch.“Bild: SCM Group Deutschland GmbH

Was glauben Sie: Wie wird sich die Holzbearbeitungsbranche in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Masino: Der Fachkräftemangel ist überall spürbar, nicht nur im DACH-Raum. Das wird den Trend zur Automatisierung auch im Handwerk beschleunigen. Wie genau sich der klassische kleine Handwerksbetrieb entwickeln wird, ist offen. Aber fest steht: Flexibilität und Automatisierung werden entscheidend sein – entweder durch einzelne Zellen oder komplette Anlagen. Auch Großkunden produzieren heute in Losgröße 1. Dafür braucht es Systeme, die sich mit dem Betrieb weiterentwickeln können. Hier sehen wir unsere Stärke: Wir wollen Kunden über den gesamten Lebenszyklus ihrer Maschinen begleiten. Und mit Tecno Logica haben wir eine modulare Lösung, die mitwächst.

Dr. Bickl: Ich sehe den klassischen Handwerksbetrieb künftig stärker als Spezialisten, etwa im hochwertigen Innenausbau oder bei individuellen Möbelanfertigungen. Solche Leistungen bleiben gefragt. Zugleich sehen wir, dass auch kleinere, finanzstarke Betriebe in Automatisierung investieren – selbst bei überschaubaren Stückzahlen. Deshalb ist es wichtig, Lösungen anzubieten, die genau dort ansetzen: modular, flexibel und wirtschaftlich sinnvoll.

– beidseitiges Kantenanleimen und -besäumen in Losgröße-1-Produktion – für die gleichzeitige Bearbeitung von Platten mit unterschiedlichen Abmessungen in drei Dimensionen

– Kantenverleimung mit PUR- oder EVA-Kleber

– Offline-Vorbereitung und Zuschnitt der Kante bei gleichbleibender Zykluszeit

– Bearbeitung von Spanplatten, OSB, LSL, MDF, laminierten Platten, Holz und Wabenkern

– verwendbare Kantenbänder: Melamin, Kunststoffe und koextrudierte Kantenbänder

– Werkstück wird während des gesamten Zyklus in Position gehalten und referenziert – die Einheiten drehen sich und arbeiten um das Werkstück