Sesam, öffne dich!

 Das Tragwerk des neuen Luftschiffhangars von WDL besteht aus Holz und Holzwerkstoffen - insgesamt 557 Tonnen.
Das Tragwerk des neuen Luftschiffhangars von WDL besteht aus Holz und Holzwerkstoffen – insgesamt 557 Tonnen.Bild: SEW-Eurodrive GmbH & Co KG

Langsam öffnen sich die beiden 23 Meter hohe Tore. Nach und nach ist der Innenraum des Hangars zu sehen. Im Halbdunkel erscheint der Rumpf des 60 Meter langen Luftschiffs Theo. Eine Szene wie eine Sinfonie: einleitende Takte, eine dramatische Steigerung. Paukenschläge. Aber dieses Schauspiel findet nicht in einem Konzertsaal statt, sondern auf dem Flughafen Essen/Mühlheim.

Standort mit Tradition

Bereits seit über hundert Jahren wird das Gelände angeflogen. Die Westdeutsche Luftwerbung bietet hier seit 1972 Fahrten mit sogenannten Blimps an. Diese Luftschiffe besitzen kein starres Innengerüst, sondern werden durch Hülle und Innendruck in Form gehalten. Ende der 1980er Jahre baute WDL hier erstmals einen Hangar für zwei dieser Luftschiffe – genannt Grüne Raupe. Farbe und Form machten die Halle zum Hingucker, und bald auch zum Veranstaltungsort. WDL eröffnete das ein neues Geschäft, weiß Veranstaltungsorganisator Dennis Weiler: „Gerade in Verbindung mit dem Luftschiff ist das eine besondere Location.“

Hangar und Veranstaltungsort

Mehr als dreißig Jahre nach ihrem Bau entsprach die Grüne Raupe nicht mehr den technischen und funktionalen Anforderungen. WDL entschied sich für einen Neubau. Der sollte nicht nur modern sein, sondern auch als Veranstaltungshalle taugen. Die beeindruckenden Tore spielten dabei eine wichtige Rolle: „Gerade bei Veranstaltungen soll das Öffnen ein Erlebnis sein.“ Außerdem wollte das Unternehmen mit dem Bau ein Wahrzeichen schaffen – und den beiden Gründern von WDL ein Denkmal setzen.

Gold für 557 Tonnen Holz

Genau das schuf das Architekturbüro Smyk & Fischer aus Mühlheim: eine multifunktionale Halle, mit Platz für zwei Luftschiffe – oder bis zu 1.500 Gäste. Die runde Form erinnert an ein aufliegendes Luftschiff, die Fassade besteht aus recycelbarem Aluminium. Das gesamte Tragwerk mit den Maßen 92 auf 42 Meter und einer Höhe von 26 Metern besteht aus 557 Tonnen Holz. Der Hangar erfüllt damit die Kriterien der Kreislaufwirtschaft, denn er nutzt weitgehend nachwachsende Baustoffe. Und er trägt das Gold-Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.

Metall, Holz, Automatisierung

Auch das Tor besteht komplett aus Holz. Technisch wie optisch auffällig: Jeder der beiden Flügel ist 400 Quadratmeter groß, wiegt 72 Tonnen und lässt sich auf Knopfdruck öffnen. Inperfektion-Projektleiter Niklas Soesters erinnert sich: „Die Architekten lieferten die Entwürfe für die Flügel, aber keine Vorgaben für den Antrieb.“ Das Unternehmen setzte den Antrieb um, plante die Schaltanlage und übernahm die Verkabelung. Man entwickelt Fahrwerke, die pro Torflügel etwa 120 Tonnen tragen können. Jeder Flügel ruht auf einem solchen Fahrwerk – und auf einem Drehpunkt am seitlichen Ende des Hangars. Dieser Drehzapfen ist in ein 36 Quadratmeter großes Fundament eingelassen. Die zwölf Meter langen Kastenträger nehmen mögliche Kippmomente auf.

 Die fünfzehn gebogenen Zwei-Gelenk-Rahmen 
des Holztragwerks überspannen 42 Meter.
Die fünfzehn gebogenen Zwei-Gelenk-Rahmen des Holztragwerks überspannen 42 Meter.Bild: ©Annika Feuss

Gewappnet gegen Wind und Schnee

Dieser Antrieb erfordert Genauigkeit und Leistung. Inperfektion nutzte dafür eine Motor-Getriebe-Kombination von SEW. „Man muss nicht bei jedem Projekt für den Antrieb auch Wind und Schnee berechnen“, erläutert Frank Peifer, Vetriebsingenieur Automatisierungstechnik im Technischen Büro von SEW. „Daher war eine Abstimmung mit Inperfektion und den Architekten wichtig.“ Die Antriebe sind so ausgelegt, dass die Tore selbst bei Windstärke fünf problemlos öffnen und schließen – also Böen von etwa 30 Kilometern pro Stunde. Die maximale Zugkraft liegt dafür bei 80 Kilonewton je Torflügel.

Kleines Getriebe mit hohem Drehmoment

Für den Antrieb sorgen vier Motoren, die je 15 Kilowatt leisten. Je zwei von ihnen steuert ein 30-Kilowatt-Umrichter Movidrive an, der über Profinet mit der Steuerung verbunden ist. Um die Torflügel auch bei starkem Wind sicher zu bewegen, benötigt jedes Getriebe am Abtrieb ein Drehmoment bis 22 Kilonewtonmeter. „Wir mussten ein kompaktes Getriebe finden, das ein hohes Nenndrehmoment hat“, erklärt Frank Kleta, bei SEW zuständig für den Vertrieb von Industriegetriebe-Systemen. „Deshalb haben wir uns für Planetengetriebe der P2-Baureihe entschieden.“ Diese Lösung und das vorgeschaltete Kegelstirn-Radgetriebe eignen sich dort, wo niedrige Abtriebs-Drehzahlen bei hohen Drehmomenten gefragt sind. Weil das Vorschaltgetriebe direkt angebaut ist, entfallen sperrige und teure Komponenten wie Kupplungen, Zwischenflansche und Adapterglocken.

Sicherheit für Mensch und Technik

Neben dem Hauptantrieb betreiben acht weitere Motoren von SEW das Konstrukt: sechs für den Antrieb der Verriegelungen der geschlossenen Tore am Dach, zwei für die beiden Bodenverriegelungen. Bei der Programmierung mussten alle Komponenten genau zusammenarbeiten. Das sei zwar steuerungstechnisch nicht komplex, sagt Soesters, aber sicherheitstechnisch durchaus: „Nicht nur Personen müssen sicher sein, sondern auch die Halle und die Tore.“ Sensoren an den Drehzapfen überwachen den Öffnungswinkel der Flügel und verhindern, dass die Räder von den Schienen rutschen. Auch das Überheben gegen Begrenzungen vermeiden sie. Zudem öffnen sich die Tore nur, wenn drei Personen gleichzeitig bestimmte Schalter bedienen – ein Beitrag zur Sicherheit von Mensch und Technik.

Ein ausgezeichnetes Projekt

Nur sieben Monate vergingen zwischen dem Abriss der Grünen Raupe und der Inbetriebnahme des neuen Hangars. Die neue Konstruktion vereint Architektur mit Schwermaschinenbau und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet: mit dem Architekturpreis NRW etwa oder dem Ernst-und-Sohn-Ingenieurbaupreis. 2024 wurde zudem ein Luftschiff vom Typ Zeppelin NT dauerhaft im Hangar stationiert. Damit bleibt der Standort Essen/Mülheim ein besonderer Ort – für Luftschiffe genauso wie für Veranstaltungen.