
Herr Müller, Sie sind schon seit einigen Jahren bei Heesemann, Herr Golombek, Sie sind seit Juli dabei. Was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse der erste Monate?
Stefan Müller: Ich kenne Heesemann schon sehr lange, und ganz neue Erkenntnisse habe ich in den ersten Monaten als Geschäftsführer nicht gewonnen. Das technische Wissen und unsere praktische Erfahrung in der Entwicklung, in der Anwendungstechnik, in der Produktion und im Service machen Heesemann aus. Mein Ziel ist es, diese Stärken weiter zusammenzuführen und weiter auszubauen.
Christoph Golombek: Erfahrung in der Geschäftsführung bringe ich zwar mit. Neu war für mich aber das Knowhow der Mitarbeiter und ihr Support für die Marke Heesemann. Auf diesen Bausteinen werden wir in der Zukunft viel erreichen.
Wie teilen Sie die Verantwortung untereinander auf?
Golombek: Die Verantwortung lag von Anfang an bei Herrn Müller, unter anderem, weil er bei meiner Einstellung beteiligt war. In diesem Sinne gibt es auf dem Papier eine Aufteilung unserer Aufgaben. Da Herr Müller aber viel unterwegs ist und ich mehr im Haus bin, überschneiden sich unsere Funktionen. Deshalb ist es egal, ob Herr Müller etwas zur Produktion sagt, die eigentlich mein Bereich ist. Wir erledigen alles Hand in Hand.
Müller: Wir ergänzen uns gut. Durch meine langjährige Tätigkeit bei Heesemann kenne ich Kunden, Händler, Prozesse und Märkte und habe meine Stärken an der Außenseite. Damit einher gehen viele Reisen. Es wäre schwierig, ein Unternehmen zu leiten, während ich ständig unterwegs bin. Umgekehrt spricht Herr Golombek ebenso mit Händlern, Partnern und Kunden. Wir trennen also nicht strikt, wir gewichten.
Herr Golombek, fiel Ihnen bei Heesemann sofort etwas auf, das Sie anders organisieren wollten?
Golombek: Alles andere wäre gelogen – und ich wäre als Geschäftsleiter fehl am Platz. Was vor allem auffällt, ist das Knowhow unserer Mitarbeiter. Dieses Wissen müssen wir kanalisieren. Einerseits für unsere Stellung im Markt, andererseits zur Zufriedenheit des Teams und der Kunden. Alle sollen Heesemann als positives Erlebnis sehen.
Heesemann steht vergleichsweise gut da. Mit welchen Maschinen erklären Sie sich das?
Müller: Wir haben ein breites Portfolio, auf das wir unseren Erfolg stützen. Nicht ein einzelnes Modell verkauft sich außerordentlich gut, sondern der Produktmix. Mit unserem Angebot decken wir Maschinen für die Industrie ebenso ab wie für das Handwerk. Für alle gleich wichtig ist der hohe Qualitätsanspruch, an die Maschine selbst, aber auch an die Oberflächen. Zuverlässigkeit ist ein wichtiges Argument für Heesemann.
Hat sich die Nachfrage der Kunden in den letzten Jahren verändert?
Müller: Die Kunden betrachten Investitionen heute stärker unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit. Einerseits optimiert die Industrie immer mehr auf Leistung, Zuverlässigkeit und Ausfallsicherheit. Andererseits legt das Handwerk viel Wert auf Individualität und Flexibilität. Hier werden keine Großserien produziert, sondern individuelle Kundenaufträge realisiert. Es kann also sein, dass man heute eine Küche, morgen ein Wohnzimmer, nächste Woche Türen schleift. Die Aufgaben gehen von Massivholz über Furnier bis zum Lackschliff – alles in einer Maschine. Die Maschine muss flexibel auf diese Bedürfnisse eingehen können. Und das heißt, wo früher eine Ein- oder Zwei-Aggregate-Maschine ausreichte, braucht es heute meistens drei oder vier Aggregate.

Ist das in Europa anders als in Nordamerika?
Müller: Die Grundanforderungen an die Oberflächenqualität sind vergleichbar. Unterschiede zeigen sich vor allem in der Gewichtung einzelner Kriterien. In Europa sind Möbel und Küchen oft mit flachen Furnier- oder Lackfronten gefragt. In den USA wird dagegen in der Küchenindustrie sehr viel in Massivholz-Rahmenfront ausgeführt.
Macht das den US-Markt für Heesemann attraktiv?
Müller: Auf dem US-Markt wird nach wie vor viel investiert, neu ist die US-Zollpolitik. Die Zölle betreffen sowohl unsere Lieferungen in die USA als auch die dortigen Möbelproduzenten, die ihre Produktion etwa nach Asien ausgelagert hatten, mit den Zöllen aber ins Land zurückkehrten. Durch diese Rückkehr stieg in den USA der Bedarf an Maschinen. Das war sicher nicht die Absicht der Administration, hatte für uns aber einen positiven Effekt.
Auf der Holz-Handwerk in Nürnberg diesen März haben Sie eine modulare Schleifmaschine vorgestellt. Mit welchem Ziel?
Müller: Die ISM-Baureihe zielt auf das gehobene Handwerk. Wir haben damit eine modulare Plattform entwickelt, die es jedem Kunden ermöglicht, seine Maschine passend für seine Anwendung zu konfigurieren. Gleichzeitig ist es für unsere Fertigung möglich, diese hohen Freiheitsgrade auf Kundenseite ohne aufwendige Anpassungskonstruktionen in kurzen Durchlaufzeiten umzusetzen. Wir verbinden also zwei Anforderungen: hohe Individualisierung auf Kundenseite und hohe Standardisierung in der Produktion.
Sie wollen nicht über den Preis mit Mitbewerbern konkurrieren. Mit welchen Zahlen können Ihre Kunden den Mehrwert einer Heesemann-Maschine stattdessen messen?
Müller: Als deutscher Maschinenhersteller auf einem Weltmarkt kann man den Wettbewerb nicht auf Preisbasis gewinnen. Wir müssen uns also anders abgrenzen. Heesemann war schon immer Innovationsführer und hat im Laufe der Zeit wesentliche Entwicklungen wie etwa den Kreuzschliff und den segmentierten Druckbalken auf den Markt gebracht. Beide sind bis heute Bestandteil jeder modernen Feinschleifmaschine. Diese Innovationskraft zeichnet uns aus. Wenn der Wettbewerb zu uns aufschließt, müssen wir schon einen Schritt weiter sein.
Wenn man den Wettbewerb auf Preisbasis nicht gewinnen kann – wie sieht es mit Einkauf und Produktion aus, Herr Golombek?
Golombek: Wenn wir in Deutschland produzieren wollen, müssen wir Produktionsstörungen vermeiden. Mit richtig eingesetzten Mitarbeitern gibt es keinen Leerlauf in der Arbeitszeit, was sich im Maschinenpreis niederschlägt. Wenn wir es also schaffen, Verschwendung aus unseren Prozessen zu entfernen, können wir auch in Deutschland günstig fertigen.
Wohin entwickelt sich die Heesemann-Technik?
Müller: Modularität ist ein gesetzter Punkt, weil die Kunden individuell sind. Ein weiterer Punkt, vor allem in Europa, ist Energieeffizienz. Energiekosten steigen, und dem müssen wir mit intelligenter Steuerungs- und Antriebstechnik begegnen. Das ist ein Anspruch auch im Sinne der Nachhaltigkeit.

Was machen Sie mit den Daten aus Ihren Maschinen?
Müller: Die Maschine erfasst Betriebsstunden sowie Laufmeter, Stückzahlen und Quadratmeter. Diese Daten ziehen wir für die Kalkulation, den Service und die Wartung heran. Entsprechend der Nutzung adaptieren sich die Wartungszyklen der Zukunft. Zudem ist KI in aller Munde und Fachkräftemangel ist ein Dauerthema. Da schließen wir zwei Brücken: Heute wird die Maschine von einem Mitarbeiter bedient, der nötige Änderungen manuell durchführt. Die Maschine der Zukunft erkennt Abweichungen selbst und führt Korrekturen eigenständig durch. So können Betriebe Fachkräfte sinnvoller einsetzen. Die Maschine der Zukunft ist die intelligente Maschine, die Prozessdaten selbst interpretiert – da wird viel passieren.
Sie sagen, die Daten fließen in den Service zurück. Was fehlt außerdem im Service?
Müller: Neben Hilfe bei Defekten ist Service auch anwendungstechnische Schulung. Oberflächen sind komplex – einerseits der Schleifprozess selbst, andererseits das Zusammenspiel mit Lackiertechnik. Prozess-Knowhow ist hier wichtig, und das werden wir verstärken. Heesemann hat schon ein starkes Team für Vorführungen und Schulungen, aber das rollen wir weiter aus. Zum klassischen Reparatur- kommt also der Anwendungsservice hinzu.
Herr Golombek, wo sehen Sie das größte Potenzial, die eigene Wertschöpfungskette effizienter zu machen?
Golombek: Wir reduzieren die Verschwendung aus unseren Prozessen. Dazu visualisieren wir bereits jetzt, wo die Projekte in den Abteilungen stehen, um wiederum zu sehen, wo die Prozess- und Produktionsfortschritte stehen. So fokussieren wir die Arbeitszeit der Facharbeiter. Wir analysieren Laufwege und Materialflüsse. Und wir fokussieren die Produktion so, dass die Prozesse mehr Wertschöpfung schaffen – mit derselben Anzahl Mitarbeiter, aber ohne Überforderung.
Welcher Bereich von Heesemann wird sich in den nächsten zwei Jahren am ehesten verändern?
Golombek: Am ehesten verändert hat sich bereits die Geschäftsführung. Das wird weitergehen. Wir entwickeln keine geheimen Strategien, sondern wollen unsere Vision mit den Mitarbeitern gemeinsam erarbeiten. Deshalb sind wir beide am ehesten die, die sich verändern müssen. Nicht in unserer Sichtweise, sondern als Organ.
Müller: Neben dem klassischen Bereich Holz weiten wir unser Angebot auf andere Märkte aus. Hier liegt etwa die Metallbearbeitung nah, weil wir ohnehin flache Materialien im Durchlauf bearbeiten. Wir sind auf Wachstum eingestellt, und als Geschäftsleitung beschreiten wir diesen Weg gemeinsam.
Zum Schluss: Was erwarten Heesemann-Kunden in Zukunft, was heute noch nicht selbstverständlich ist?
Müller: Eine Maschine, die selbstständig Funktionen übernimmt und intelligent mitdenkt. Das erwartet die Industrie, das erwarten aber auch wir. Dabei wollen wir gar nicht den Bediener oder den Facharbeiter ersetzen. Vielmehr wollen wir Prozesse erleichtern, verbessern und beschleunigen.
Golombek: Die Kunden erwarten von uns in Zukunft, dass wir sie nach wie vor begeistern. Mit unseren Maschinen, mit unserem Service und wie wir ihre Erwartungen erfüllen. Das ist unsere Aufgabe: zu begeistern. Dann haben wir auch die besten Chancen, uns im Markt zu entwickeln.
















