
Herr Kisselbach, wie ist ETML entstanden?
Andreas Kisselbach: Im VDMA Fachverband Holzbearbeitungsmaschinen gibt es die Arbeitsgruppe Technik und Normierung. Dort bearbeiten wir übergreifende Themen. Früher haben wir Standards für die analoge Bemaßung von Werkzeugen entwickelt. Das war erfolgreich, weil Maschinen- und Werkzeughersteller gemeinsam dafür gesorgt haben, dass Werkzeuge eindeutig und richtig vermessen sind. Im Anschluss war klar: Der nächste Schritt ist die digitale Welt. Werkzeuge sollen künftig nicht nur in Zeichnungen beschrieben sein, sondern so, dass die Maschine sie automatisch einlesen und korrekt betreiben kann.
Wer war an der Entwicklung beteiligt?
Kisselbach: Mitgemacht haben die großen Maschinenhersteller: Weinig, Holz-Her, IMA Schelling, Homag. Dazu kamen die Werkzeughersteller AKE, Leuco, Leitz und Kohnle. Später stießen weitere Unternehmen dazu, auch aus dem Ausland, etwa SCM und Biesse. Außerdem Softwareanbieter, die die Umsetzung in der Smart Cloud übernommen haben. Wichtig war von Anfang an: ETML muss ein offener Standard sein – kein System eines einzelnen Herstellers. Nur so kann es sich am Markt durchsetzen.
Wie genau funktioniert ETML?
Kisselbach: Kern ist eine zentrale Datenbank, die Smart Cloud. Sie stellt sicher, dass Datensätze vollständig und korrekt sind. Wir haben formale und logische Prüfungen eingebaut, damit keine falschen Werte umgehen. Außerdem gibt es ein Rollenkonzept: Der Werkzeughersteller etwa hinterlegt Seriennummern, Maximaldrehzahlen und sicherheitsrelevante Maße. Ein Schärfdienst kann hingegen nach dem Nachschärfen Durchmesser und Länge ändern. Maschinen wiederum schreiben Informationen über Standwege zurück. So entsteht eine Historie, also ein digitaler Lebenslauf des Werkzeugs.
Welche Vorteile bringt das dem Anwender?
David Eberhardt: Noch gibt der Anwender Werkzeugdaten oft händisch ein und liest sie dafür von Zeichnungen ab. Das ist fehleranfällig. Mit ETML kann er die Daten direkt importieren. Besonders bei neuen Projekten mit vielen Werkzeugen spart das Aufwand.
Kisselbach: Außerdem bekommen wir erstmals echte Einsatzdaten zurück. Maschinen können Werkzeugdaten wie Laufmeterleistungen oder Spindelbelastung rückmelden. Daraus lassen sich etwa nutzungsabhängige Abrechnungen entwickeln oder genauere Vorhersagen treffen für den Verschleiß.

Und was haben die Hersteller davon?
Kisselbach: Bisher hatten Werkzeughersteller kaum harte Fakten zum Einsatz ihrer Produkte. Mit ETML können sie auf Basis echter Einsatzdaten ihre Werkzeuge verbessern oder neue Geschäftsmodelle aufbauen. Davon hat auch der Anwender einen Vorteil: Er kann Werkzeuge verschiedener Anbieter besser vergleichen.
Wie steht es um den Datenschutz?
Kisselbach: Die Daten gehören dem Anwender. Er entscheidet, ob und wem er sie freigibt. Setzt er ein Leitz-Werkzeug ein und gibt die Daten frei, sieht das nur Leitz – und kein Wettbewerber.
Können bestehende Maschinen nachgerüstet werden?
Eberhardt: Grundsätzlich ja, über Updates. Aber das hängt vom Einzelfall ab, da die Maschinen verschieden konfiguriert sind. Am größten ist der Nutzen ohnehin bei neuen Projekten, wenn viele Werkzeuge gleichzeitig angelegt werden. Sobald ein Anwender eine neue Maschine mit ETML kauft, wird er aber die Funktion auch für seine Bestandsmaschinen haben wollen.
Herr Heckel, wie sieht es vonseiten der Werkzeughersteller aus?
Martin Heckel: Wir sind bereit für ETML und bewerben das aktiv, etwa auf der Holz-Handwerk im nächsten Jahr. Dennoch sind wir darauf angewiesen, dass Maschinenhersteller die Daten einlesen können. Deshalb ist die Nachfrage vom Anwender wichtig. Kennt er den Nutzen und verlangt ETML, setzen wir das um.

Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie in den nächsten Jahren?
Kisselbach: In den nächsten ein bis zwei Jahren wird sich ETML zunehmend verbreiten. Auf der Ligna war die Aufmerksamkeit groß, internationale Firmen haben angefragt. Entscheidend wird sein, dass die Branche die Vorteile kennt: weniger Aufwand, mehr Transparenz.
Und Ihr Fazit?
Kisselbach: ETML ist ein Meilenstein. Es bringt die Branche auf eine neue digitale Ebene. Offene Standards, einheitliche Datenflüsse und neue Geschäftsmodelle – das ist ein Gewinn für Hersteller, Dienstleister und Anwender gleichermaß mit Maschinen und Werkzeugen verschiedener Hersteller arbeitet, kennt die Herausforderung: Jede Begleitkarte sieht anders aus, die Datenformate sind inkompatibel, und bei der Maschineneingabe ist Konzentration gefragt. Es reicht ein Zahlendreher – und schon drohen Ausschuss oder schlimmstenfalls eine Maschinenkollision. Hier setzt ETML an, die European Tool Machine Language.
Zwei Standards für ein Modell
Unterstützt vom VDMA, haben sich europäische Maschinen- und Werkzeughersteller zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln – unter der Schirmherrschaft von Eumabois. Ergebnis: Zwei zentrale Standards, die Begriffe und Referenzen von Werkzeugen vereinheitlichen und ein datenbasiertes Modell liefern. Mit ihm lassen sich simple und komplexe Werkzeuge digital beschreiben und automatisch von Maschinen importieren.
Prozesssicher dank Aktualität
ETML ist ein gemeinsames Versprechen der Hersteller an ihre Kunden: Solange die Anwender Werkzeuge und Maschinen innerhalb des Systems verwenden, werden ausschließlich geprüfte und kompatible Datensätze geladen. Schärft ein zertifizierter Schleifdienst ein Werkzeug nach, erhält die Maschine automatisch aktualisierte Daten, die den neuen Zustand beschreibt. Das erhöht die Prozesssicherheit und verringert manuelle Eingriffe.

Durchgängig, verifiziert, sicher
Mit ETML ist erstmals eine herstellerübergreifende, standardisierte Sprache für Werkzeuge und Maschinen am Markt. Namhafte Unternehmen waren an der Entwicklung beteiligt: AKE, Biesse, JSO, IMA Schelling, Kohnle, Holz-Her, Homag, Leitz, Leuco, SCM und Weinig. Proprietäre Systeme beschränken den Datenaustausch auf das eigene Ökosystem. ETML dagegen ermöglicht die nahtlose Kommunikation zwischen Werkzeugen und Maschinen verschiedener Hersteller. Die standardisierte Sprache sorgt für durchgängige, verifizierte und sichere Daten – vom ersten Einsatz über das Nachschärfen bis zur Wiederverwendung.
Cloud und Feedback
Zentral ist die ETML Smart Cloud: Auf dieser gemeinsamen Plattform werden die Daten gespeichert, verwaltet und direkt an Maschinen übertragen. Jedes ETML-taugliche Werkzeug erhält eine Seriennummer. Sie ermöglicht die Identifikation, die Einrichtung und die Integration in digitale Abläufe. Ein weiterer Vorteil: Dank der ETML-Datenstruktur kann der Anwender Standzeiten und Einsatzdaten seiner Werkzeuge an die Plattform rückmelden. Diese Informationen kann er im eigenen Toolmanagement nutzen, um seine Werkzeugeinsätze zu analysieren und zu vergleichen. Dabei gilt: Die Daten gehören ihm. Der Anwender entscheidet, welches Toolmanagement er nutzt und ob er den Anbieter wechselt. So schafft ETML Unabhängigkeit vom Hersteller. á
















