
Rückläufige Bauzahlen, steigende Anforderungen an den Klimaschutz, begrenzter Rohstoff – der Holzbau steht vor einer Wende. Vor diesem Hintergrund dynamisiert sich der Wandel hin zu schnelleren, individuellen, teils modularen Bauweisen, die vor allem ressourceneffizient sind. Im Rahmen des diesjährigen Leitz-Symposiums in Oberkochen im März diskutierten Experten aus Forschung, Industrie und Architektur zentrale Zukunftsfragen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von digitaler Planung über industrielle Fertigung bis hin zu neuartiger Konstruktion und Architektur.
Robotik individualisiert Bauteile
Viele Beiträge befassten sich mit der zunehmenden Bedeutung digitaler Technologien. So zeigte Professor Alexander Stahr von der HTWK Leipzig auf: Die Integration von Entwurf, Fertigung und Montage in durchgängig digitale Prozessketten ist ein wesentlicher Hebel für die Produktivität des Bauwesens. Während andere Industrien in den letzten Jahrzehnten deutlich effizienter wurden, ist das Bauwesen weiterhin strukturell mangelhaft. Robotik bietet hier nicht nur ein Potenzial zur Automatisierung. Mit ihr lassen sich zugleich Bauteile wirtschaftlich individualisieren. Voraussetzung: zuverlässige Daten, die Planung nahtlos in Fertigung überführt.
Simulationen für Prozesssicherheit
Die industrielle Praxis bestätigt diese Entwicklung. Dass robotergestützte Fertigung vor allem bei großformatigen CLT-Bauteilen Flexibilität schafft, verdeutlichte Alexander Leidorf von Leidorf Holztechnik. Entscheidend für den Erfolg sei jedoch weniger die Hardware als vielmehr die Qualität der aufbereiteten Daten. Denn komplexe Geometrien erfordern exakte Simulationen sowie eine tiefe Integration in die Maschinensteuerung, um Prozesssicherheit und Präzision zu gewährleisten.
Materialeffiziente Deckenkonstruktion
Neben Digitalisierung wird Ressourceneffizienz zum zentralen Treiber. Mit dem Projekt ‚Universal Timer Slab‘ präsentierte Hans Jakob Wagner von der Universität Stuttgart eine Deckenkonstruktion, die den klassischen Stahlbetonbau grundlegend verändern kann. Indem es die anisotropen Eigenschaften von Holz gezielt nutzt, strebt das Projekt leistungsfähige, materialeffiziente Strukturen an mit großen Spannweiten und vergleichbar niedrigen Geschosshöhen. Erstmals umgesetzt werden soll diese Deckenkonstruktion in dem für Oberkochen geplanten Zukunftsforum.
Gebäude als Materiallager denken
Eine grundlegend andere Perspektive einzunehmen forderte Professor Jürgen Graf von der RPTU Kaiserslautern, und zwar Gebäude künftig als Materiallager denken. Voraussetzung dafür seien standardisierte Bauteile und reversible Verbindungen, die eine zerstörungsfreie Demontage und Wiederverwendung ermöglichen. Hierbei bilden mechanische Fügetechniken und formstabile Holzwerkstoffe die Grundlage für skalierbare, kreislaufgerechte Bausysteme.
Architektur – Hebel für Nachhaltigkeit
Auch die Architektur selbst ist ein wichtiger Hebel für Nachhaltigkeit. So zeigte Bernd Liebel von Liebel/Architekten, dass intelligente Entwürfe erheblich Energie sparen können – etwa die optimale Gebäudeausrichtung oder der gezielte Einsatz von Low-Tech-Lösungen durch den durchdachten Gebrauch der materialspezifischen Vorteile in Hybridbauweise. Gerade im modularen Holzbau eröffnen sich dadurch neue Potenziale für schnelle Bauprozesse bei hoher gestalterischer Qualität.
Kundenindividuelle Massenproduktion
Die Möglichkeiten digitaler Planung führte Professor Julian Krüger von der Hochschule München weiter aus. Seine Arbeiten zeigen, wie parametrische Modelle und automatisierte Fertigung eine ‚Mass Customization‘ im Bauwesen ermöglichen. Auf diese Art werden Gebäude effizient und reproduzierbar – ein Ansatz, der die Grenzen zwischen Serienfertigung und individueller Architektur auflöst.
Massivholzbau ohne Klebstoffe
Mit dem zirkulären Bausystem von Triqbriq stellte Levin Fricke einen nachhaltigen Ansatz für den Massivholzbau vor. Die modularen Bausteine kommen ohne Klebstoffe aus und lassen sich flexibel montieren und demontieren. Vollständig wiederverwendbar, kann dieses System auch eingeschränkt geeignete Holzqualität nutzen. Die dezentralen Produktionskonzepte stärken derweil die regionale Wertschöpfung.
Werkzeugsysteme für den Holzbau
Abschließend betonte Gastgeber Leitz die Bedeutung der Werkzeugtechnologie. Markus Sturm zeigte, dass moderne Werkzeugsysteme zu Präzision, Produktivität und Prozesssicherheit beitragen. Vor allem die Bearbeitung hybrider Materialien setzt spezialisierte Lösungen voraus. Die Kombination verschiedener Schneidstoffe in einem Werkzeug zeigt, wie technische Neuerungen neue Möglichkeiten in der Holzbearbeitung eröffnen.
Entwicklungen in Industrie überführen
„Das Symposium machte deutlich, dass die Transformation des Holzbaus bereits in vollem Gange ist“, fasste Moderator Andreas Kisselbach zusammen. „Digitalisierung, Automatisierung und neue Bauweisen treffen auf steigende Anforderungen an Klimagerechtigkeit und Ressourceneffizienz.“ Entscheidend für den Erfolg werde sein, diese Entwicklungen zu verknüpfen und in die industrielle Breite zu überführen.
















