Zuschnitt ohne Vorritzen

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Das diamantbestückte Sägeblatt FineCut sägt durch beschichtete Platten ohne Ausrisse an der kritischen Auftrittseite. – Bild: Leitz GmbH & Co. KG

Seit Jahrzehnten gehört Vorritzen zum Plattenzuschnitt dazu. Wäre nicht das Aggregat, gäbe es Ausrisse an der Austrittskante. Doch der Schritt verlängert die Bearbeitung und erhöht den Rüstaufwand. Klar, dass sich Betriebe fragen: Ginge es nicht auch ohne? Auch im Schwarzwälder Haslach schlug man sich damit herum. Genauer gesagt: in der Schreinerei Moser. 150 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, der Frauenanteil ist hoch, ein Clip-System lenkt die Abläufe.

Abgeplatzte Beschichtungen führen zu Nacharbeit

Neben Holzwerkstoffen und beschichteten Platten durchlaufen auch Mineralwerkstoffe die Hallen dieses Betriebs. Gerade komplexe Beschichtungen sorgten hier zuverlässig für ein Problem: Die poröse Schicht platzte beim Sägen ab. Viel habe man ausprobiert, erinnert sich CNC-Teamleiter Marco Arnold, viel Lehrgeld bezahlt. Doch der anspruchsvolle Zuschnitt blieb, die Gehrungsschnitte führten zu Ausrissen. Arnold kann das vorrechnen: Durchschnittlich dauerte die Bearbeitung einer Platte rund 45 Sekunden. Den Ablauf verlängerte vor allem das Vorritzen. Rechnet er noch die anschließende Nacharbeit hinzu, brauchte sein Team früher zwanzig Prozent mehr Zeit als heute. Was ist heute bei Moser anders als damals?

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Beschichtungen platzen in der Schreinerei Moser nicht mehr ab. – Bild: Leitz GmbH & Co. KG

Geheimnis zwischen Hersteller und Anwender

Rund anderthalb Jahre ist es her, dass erneut die Frage aufkam: Wie könnte eine Alternative zum Vorritzen aussehen? Damit wandte sich Moser an Leitz. Die beiden Unternehmen verbindet eine jahrelange, vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und tatsächlich kannte der Werkzeughersteller aus Oberkochen nicht nur die Frage, sondern auch die Antwort – und feilte an einem Ansatz. Der musste jedoch vorerst geheim bleiben. Bei Moser unterschrieb man eine Vereinbarung und bewahrte Stillschweigen über das neuartige Sägeblatt.

Vom ersten Prototyp zum flexiblen Sägeblatt

Das Geheimnis: ein diamantbestücktes Sägeblatt, in das der Vorritzer eingebaut ist. Aggregat adé? Neugier und Skepsis wechselten sich ab, erinnert sich Arnold. Sofort habe sein Team den Prototyp mit Holz- und Mineralwerkstoffen geprüft. Gerade der Materialmix ist anspruchsvoll, sagt er. Im Alltag wechseln Werkstoffe und Beschichtungen, und das verlangt Flexibilität vom Sägeblatt. Verursachte die erste Version noch Ausrisse, überzeugten bereits die Ergebnisse der zweiten. Seit November läuft das Werkzeug.

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Bis zu dreimal nachschärfbar sind die Schneiden des Sägeblatts. – Bild: Leitz GmbH & Co. KG

Zwanzig Minuten weniger für Ausbesserungen

Doch nicht auf einer Formatkreissäge sägt FineCut, und auch nicht auf einer Plattenaufteilsäge – obwohl Leitz es für beides entwickelt hat. Moser setzt das Sägeblatt auf einer CNC-Bearbeitungsmaschine ein. Spürbar ist der Unterschied im täglichen Ablauf. Durch die sauberen Schnittkanten entfällt die meiste Nacharbeit an der Maschine, bei Gehrungsschnitten sind die Kanten sofort montagefähig. Zum Vergleich: Vor FineCut waren nach dem Zuschnitt bis zu zwanzig Minuten Ausbesserung nötig. Jetzt kann man sich an diesen Kanten schneiden. Das passierte auch Arnold bei den ersten Tests: „Als ich blutete, dachte ich: Das muss gut sein.“

2.250 Meter bis zum Wechsel oder Service

Verändert haben sich auch die Rüstzeiten. Da die Maschinenbediener kein Vorritzaggregat mehr einstellen müssen, vereinfacht sich der Arbeitsablauf an den CNC-Maschinen. Hinzu kommt die Standzeit: Zwei Monate lief das Werkzeug bis zum ersten Wechsel. In dieser Zeit erreichte es 2.250 Meter Strecke, ohne dass Nachrüsten erforderlich gewesen wäre. Jetzt ist ein Wechsel nötig, und der Leitz-Service übernimmt. Bis zu dreimal nachschärfbar ist FineCut.

 Für Formatkreis- und Plattenaufteilsägen 
gedacht, läuft FineCut auch auf CNC-Zentren.
Für Formatkreis- und Plattenaufteilsägen gedacht, läuft FineCut auch auf CNC-Zentren.Bild: Leitz GmbH & Co. KG

Diamantbestückte Zähne trennen Material sauber

Technisch beruht das Werkzeug auf einer besonderen Zahnarchitektur. Dach- und Trapezzähne verteilen die Schnittkräfte gleichmäßig und stabilisieren den Trennvorgang. Zugleich sorgt ein negativer Spanwinkel für eine kontrollierte Materialtrennung an der Austrittsseite. Das verhindert ausbrechende Beschichtungen – und es ersetzt wie geplant das Vorritzaggregat. Der Tragkörper sorgt derweil für eine hohe Rundlaufgenauigkeit. Dehnschlitze und Laserornamente wirken schwingungsdämpfend und stabilisieren den Schnitt. Leitz verspricht: Die diamantbestückten Schneiden erreichen deutlich längere Standzeiten als klassisches Hartmetall.

Wirtschaftliches Werkzeug für den Materialmix

Nicht nur die technischen Merkmale zählen für Moser, sondern vor allem der praktische Nutzen. Entscheidend: Der Zuschnitt ist einfacher und die Nacharbeit überschaubar. „Vor allem wirtschaftlich ist die Lösung spannend“, sagt der CNC-Teamleiter. Vergleichbare Werkzeuge seien zwar am Markt verfügbar, preislich jedoch bewegen sie sich über FineCut. Könnte sich das Sägeblatt also durchsetzen? Bevor Arnold antwortet, weist er auf die Laufruhe hin. Laut werden muss er beim Antworten nicht. Ja, sagt er – vor allem bei Betrieben mit ähnlichem Materialmix. In Haslach jedenfalls ist eine alte Frage abschließend beantwortet.